Fachinformationen für den Kreativ-Fachhandel
Herausgegeben von → michael schebesta konzept und design gmbh

Handarbeits-Image
→ 3-Teilige Serie, Teil 1

"Wieviel mehr Mut gehört dazu, das Image von Handarbeiten zu behalten, als es zu ändern?"

Abb.: Katze im Blumenfeld, 40 x 40 x 3cm, Vervaco/Amazon

EDITORIAL →

→ Auch jenseits rein zweckmotivierten Masken-Nähens rückt aktuell das Handarbeiten wieder etwas näher in den Fokus möglicher Freizeit-Beschäftigungen (→ wir berichteten in #05.2020).
Vielleicht aber könnten das Interesse daran und die Umsätze noch deutlich höher sein ... wäre da nicht dieses "Image". Dieses mehrschichtig ambivalente Flair des einerseits Kreativen, Kontemplativen und so "Hippen" (→ #), dann aber doch auch Althergebrachten, Altbackenen und Gestrigen. (→ s.u.).

→ Was auch immer zutrifft, unstrittig ist:

1.) Das Ansehen des Handarbeitens, gerade das Image bei der rund zehnfach höheren Anzahl der Nicht-Handarbeiter*Innen, hat als öffentliche und auf potenzielle Nutzerschaften durchfärbende Meinung Einfluss auf die Zukunft jedes einzelnen Händlers.

2.) Dieses auf jeden einzelnen durchfärbende Meinungsbild ist mit die wichtigste Grundlage bei seiner emotionalen Entscheidung zwischen Hinwendung oder Ablehnung des Hobbys und damit die Basis für jede Form der Neukundengewinnung.

3.) Nicht sehr viel andere Branchen haben hier – so das Fazit unserer hier beginnenden dreiteiligen Serie – so viel Nachholbedarf wie Handarbeiten.

4.) Und nicht sehr viele haben so viele Chancen!


Es kann lohnen, sich damit jetzt rund 15 Minuten lang zu beschäftigen. Zu viel? Dann lesen Sie kurz die Alternative:

"Elvis? Wer ist das?"

→ Die Alternative? Alles so weiterlaufen lassen wie bisher und noch 10 Jahre lang auf die um die Jahrtausendwende Geborenen warten. Auf deren dann unbelastete, bindungslose Sicht der Dinge. Ohne die Erinnerungen an die Geschichten ihrer Urgroßeltern, all die historischen Einflüsse und prägenden Rollenbilder, frei von den Narrativen präindustrieller Zeiten und den Konventionen aus Nachkriegszeiten. Die sich dann eine ganz andere, neue Welt des "Handarbeitens" schaffen, die von der heute marktbestimmenden Generation möglicherweise nur noch schwer verstanden wird. Einigen Branchen erging es bereits heute schon so.

→ Oder aber: Auch diese heute marktbestimmende Generation befreit sich von den atmosphärischen Interferenzen, die das aktuelle Image unscharf und mehrdeutig erscheinen lassen. Weil sie es schon längst irgendwie fühlen, dass es mehr Umsatzrisiko bedeuten könnte, das aktuelle Image zu behalten, als es zu ändern. Fast Harakiri.

→ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine spannende, an manchen Stellen – sorry – vielleicht auch etwas provokante, dafür aber anregende Lektüre. Ich freue mich sehr auf Ihre Meinungen.

Herzlichst
Michael Schebesta

→ Themenübersicht

Teil I → in dieser Ausgabe 06.2020



Start Teil I

HANDARBEITS-IMAGE → EINORDNUNG I

update:me 06.2020
von Michael Schebesta

WW, X, Y oder Z?

→ Welches "Image" bitte?

Eine Frage des Alters

→ Es gibt kein für alle gültiges, homogenes Handarbeits-"Image". Das genau scheint ja bereits der wesentliche Teil des Dilemmas zu sein. Bemühen sich Produkthersteller in der Regel um eine durchgehend einheitliche Gefühlsverortung und präzisen Positionierung ihrer Marken quer über alle Bevölkerungskreise (unabhängig von der Marken-Erreichbarkeit für manche Kreise), besitzt Handarbeiten bereits je nach Geburtsjahrgang verschiedene emotionale Ladungen:

→ Die "Wirtschaftswunder-Generation WW", ("Babyboomer"), nach dem Wiederaufbau zwischen ca. 1954 und 1965 geboren, sieht Handarbeiten noch im weit aus traditionelleren Licht ihrer kriegserfahrenen und bürgerlich erzogenen Eltern (Generation V) und Großeltern, als die zwischen 1965 bis 1980 geborene ...

"Generation X". Diese kannte zwar noch ihre Großeltern und deren Erlebniskontexte, allerdings nicht mehr unbedingt als eigene, im Elternhaushalt präsente Lebensrealität, sondern eben klar als "die der Großeltern".

→ Noch ganz anders die "Generation Y" ("Why", "Millenials", "Digital Natives", usw.), deren Hauptdarsteller heute zwischen 25 und maximal 40 Jahre alt sind. Sie entwickeln bereits einen so hohen Grad der Unbefangenheit, der ältere Generationen wundern lässt, wie kontext- und traditionslos die Tradition von den jüngeren als rein formales Designkonzept adaptiert wird: Der "Retro"-Trend ist dort nur noch Hülle, Style und pseudo-nostalgisch, weil diese Generation allein aufgrund ihres Alters zur Nostalgie gar nicht fähig ist.

→ Völlig befreit von den "Altlasten der Branche" (Details siehe unten) wird auf sich selbst überlassenem Wege wohl erst die "Generation Z" sein, die ab der Jahrtausendwende Geborenen, die mit dem Smartphone und interierter 3D-Augmented Reality in Händen gerade erst beginnen, die Reste an nostalgie-simulierenden Retro-Styles zu überwinden und "maximal unverbindlich*" Handarbeitskunden zu werden. Vielleicht.

Diffuses Jetzt

→ Für alle Altersgruppen gleichermaßen beobachtbar, gleich mit welchen emotionalen Ladungen, ist die Gegenwart, das Jetzt. Hier sind die Anzeichen und Signale, die Handarbeiten auf den verschiedensten Kanälen und "Touch-Points" aussendet, auffällig gegensätzlich: Die Traditionalisten erleben Progressives, die Progressiven Tradiertes. Selten mit gegenseitiger Begeisterung.

→ Deren Ansichten und Empfindungen beginnen sich gegenseitig zu beeinflussen, zu durchmischen und latent ins Desinteresse abzugleiten, einfach mangels Willen, die Widersprüche nun in Eigenleistung zu lösen. So ist aktuell das Gesamtimage, also der nach Definition "innere Gesamteindruck, den eine Mehrzahl von Menschen von einem Meinungsgegenstand hat", diffus und unscharf. Eine (mindestens) bipolare Persönlichkeit ...

HANDARBEITS-IMAGE → EINORDNUNG II

update:me 06.2020
von Michael Schebesta

Die bipolare Persönlichkeit

→ Wer davon überzeugt ist, etwas sei z.B. "richtig", kann nicht gleichzeitig vom Gegenteil überzeugt sein, es sei "falsch". Höchstens davon, an beidem zu zweifeln. Auch haben wir insbesondere durch die Interneterfahrung ("finales Wissen ist unmöglich") gelernt, dass es bei der Durchsetzung von Meinungen nicht primär darauf anzukommen scheint, WELCHE man hat (sie ist je nach Informations-Input sowieso richtig und falsch zugleich), sondern überhaupt eine zu haben. Diese dann möglichst klar und eindeutig. Ob also in unserem Falle das Handarbeiten ein "zeitgeistiges" oder "altbackenes" Image hat, ist zunächst völlig unerheblich. Unpraktisch und ungeeignet für dessen Durchsetzung ist allem voran dessen Ambivalenz, dessen Mangel an Eindeutigkeit:

→ Als für die meinungsbildende Öffentlichkeit nachvollziehbarster Beleg für ein zeitgeistigeres Image eignet sich die seit rund fünfzehn Jahren drastisch gestiegene Zahl an Online-Blogs, Schnittmuster-Shops und Communities mit einer spürbaren Verjüngung der Anwenderschaft (z.B. Ravelry meldete im März 2020 neun Millionen registrierte Mitglieder → # ) ...

... fast aufdringlichster Beleg dagegen ist, mit welcher Intensität die Thematisierung des "Altbackenen", immer noch als Refleximpuls für Abwehr und Rechtfertigungen funktioniert. Fast trotzig wirken da die Mantras szenemotivierender Beschäftigungsbegründungen: "Stricken macht schön" → #, "ist neues Yoga" → #, "ist mein Yoga" → #, "klappernde Nadeln beruhigen die Nerven" → #, "ist gesund, nachhaltig, verleiht Individualität, belohnt Glückshormone, trainiert das Gehirn", usw. → #.
Das alles mag stimmen. Aber es macht skeptisch: Wieso überhaupt diese Argumente? Zur Zerstreuung etwaiger eigener Zweifel am Tun? Und: Welcher Typ Betroffenheitszielgruppe wird assoziiert, wenn Nervenberuhigung und Gehirntraining Begründungen fürs Stricken werden? Nein, niemand wäre auf diese Fragen gekommen, wenn nicht die vorauseilenden Antworten sie aufgeworfen hätten.

Out ist in. Dann muss in out sein

→ Noch mehr als solch therapeutisches Motiv könnte für ein sich eher defensiv fühlendes Selbstempfinden die Volte sprechen, das Zeitgeistige der Tätigkeit ausgerechnet mit dem zu begründen, was ihr der Zeitgeistige vorhält: dem "Besinnen auf Tradition" (→ #). Ja, es stimme, das Alte, Überholte und Gestrige sei tatsächlich alt, überholt und gestrig, aber eben genau deshalb das, was in weniger bemühten Standard-Intros vieler Presseartikel immer wieder behauptet wird: "hip!" (→ #). Demnach wäre out also in. Wohl genauso, wie cool hot sein kann. Weil es cool, nein hot, äh, beides ist.

→ Es ist nicht völlig auszuschließen, dass viele mit diesem argumentativen Purzelbaum Schwierigkeiten haben. Selbst Wissenschaftler (genauer: Quantenphysiker) knabbern am Phänomen der Gleichzeitigkeit zweier sich gegenseitig ausschließender Zustände, gar wenn sie noch aus verschiedenen Zeitebenen stammen. Alltagspraktisch hingegen nimmt das Empfinden asynchroner Zeitaktualitäten wenig Rücksicht auf verstandesklare Logik: Antikmöbel, klassische Musik, 24 Jahre alter Whiskey und ähnlich Althistorisches sind ja auch hin und wieder oder sogar immer "in". "Klassisch" eben.

→ Interessanterweise aber schleppen sie seltener so viel Ballast an "out" mit ins "in". Wieso das?
Betrachten wir den Ballast etwas näher ...

HANDARBEITS-IMAGE → Teil 1 von 3

update:me 06.2020
von Michael Schebesta

Die Altlast der Branche

→ Vor Neubebauung: Scham-kontaminierter Image-Boden zu entsorgen

→ Das heutige Image des Handarbeitens ist eng mit Geschlechterverständnissen und Rollenzuweisungen verknüpft. So ist die Geschichte des weiblichen Handarbeitens unweigerlich auch ein Spiegel der weiblichen Identität und Sozialgeschichte – und insofern leider auch keine sehr schöne Geschichte ...

1.) Die züchtige Hausfrau →

→ Handarbeiten: gegen aller Laster Anfang

→ Zu spurenreich eingeprägt im kollektiven Denken sind noch die Bilder von mittelalterlichen Nonnenklöstern, Mädchenschulen und dem Rollenzwang zur tugendhaften, keuschen Frau, deren Handarbeiten sie "bewahre vor Müßiggang" (= "aller Laster Anfang") und "unzüchtigen Gedanken"

→ hier mehr lesen: über das "Vorbild Maria" und das einzig "Rühmliche für Frauen: Handarbeiten" ...

Quelle: Aufsatz "Handarbeiten als Ausdruck weiblicher Kreativität und Spiritualität" von Barbara Kästner, Referentin Kirchliche Frauenarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens.

Handarbeiten gegen Unzucht und Sünde →

→ Bereits im Judentum 100 nach Christus beunruhigend für Ehemänner: eine untätige Gattin. So regelt die 'Mischnah Naschim Ketubot', die Eheverträge des Talmud, das Abnehmen der hauswirtschaftlichen Pflichten der Ehefrau mit jeder zusätzlichen im Haushalt arbeitenden Magd. Bei vieren schließlich eskaliert jedoch die Sorge: Die Gattin könne "im Lehnstuhl sitzen". Darum riet der streng konservative Rabbi Elieser ben Hyrkanos, die Ehefrauen "selbst bei hundert Mägden zu zwingen, in Wolle zu schaffen, denn", so seine Begründung, "Müßiggang führt zur Unzucht."

→ Jüdisch und auch christlich herrschte also die Überzeugung, die Frau wäre von Natur aus lasterhaft und müsste in ihrer sexuellen Aktivität kontrolliert und eingeschränkt werden. Ursprung dieser (männlichen) Fixierung aus Angst ist der Sündenfall Evas, der als sexuelle Verfehlung der Frau betrachtet wurde (noch wird?): Die Schlange ist im Hebräischen männlich.

Wohlverhalten und Wollarbeiten:
für Frauen "das einzig Rühmliche" →

→ Ähnliche Ansichten auch in der griechisch-römischen Antike: Häufig wurden dort Grabsteine mit Lobpreisungen der Verstorbenen (Eulogien) beschriftet, ein Brauch, der sich in einigen Gegenden bis ins 20. Jahrhundert erhalten hat. Hier ist bei Hausfrauen oft zu lesen: "fleißig, sparsam, keusch, häuslich und mit Wollarbeiten beschäftigt". Das für die Nachwelt einzig erwähnenswert Rühmliche an Frauen waren also Wohlverhalten und Wollarbeiten. Andere, gar "männlich" besetzte Profilierungsmöglichkeiten (z.B. Tempelbau, Kriegführung, usw.) blieben unerwähnt.

Das Vorbild Maria →

→ Schon als Kind war Maria – wie zu lesen im von der Kirche nicht anerkannten (apokryphen) Pseudo-Matthäusevangelium aus dem 9. Jahrhundert – eine begnadete Wollarbeiterin. Derartige Home-Stories über das Leben von Maria und Jesu waren in der Volksfrömmigkeit äußerst beliebt und prägten nachhaltig das kollektive Denken: Maria, die tugendhafteste Frau des Christentums und aufs engste mit Woll-und Textilarbeiten assoziiert, musste als Vorbild für jede Frau diese Tätigkeit untrennbar mit Tugendhaftigkeit verbinden.

→ So gibt es unzählige Darstellungen in den damaligen Medien (der Kunst) mit Maria, die spinnt, webt oder strickt, zuweilen auch mit Joseph, der Holzarbeiten verrichtet – mit auffallenden Parallelen zu Darstellungen von Eva und Adam. Oft werden in der Theologie die beiden Protagonistinnen ("sündige") Eva und ("heilige") Maria gegenübergestellt: Mit Eva kam die Sünde in die Welt – Maria hat sie überwunden. Aus der Mühsal Eva's wird die Zierde und Tugendhaftigkeit Maria's. Ihr Vorbild galt im besonderen Maße den heiligen Frauen ihrer Nachfolge, auch sie wurden oft bei Handarbeiten abgebildet. So ist es leicht verständlich, dass das Erlernen der Handarbeitstechniken in der Mädchenbildung oberste Priorität hatte ...

→ Asexualität. Religiöse Moralisierung. Tabuisierung.
Das ist die erste Imageaufgabe.

2.) Im Spinhus, dem Zuchthaus →

→ Als sich das Vergnügen dunkel färbte

→ ... zu präsent (aber falsch*) (und doch richtig**) sind noch die Bilder sittsamer Mädchen und Frauen, deren petroleumbelampte Nadelarbeit in unterheizten Wohn- und Spinnstuben unter dem Diktum protestantischer Werte wie Arbeit, Ordnung, Tüchtigkeit, Pünktlichkeit und – was anderes sonst – Keuschheit stand ...

→ mehr über das Handarbeiten im 18. und 19. Jahrhundert ...*/**

*) Falsch deswegen →

→ weil Handarbeiten keinesfalls eine Exklusiv-Domäne der Frauen war, ebensowenig wie das Jagen in der Steinzeit eine der Männer. Textilarbeiten (und das Jagen) wurden von Männern und Frauen ausgeführt, wenngleich das die bürgerlichen Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts zunehmend verneinten. (→ siehe "Die Erfindung der weiblichen Handarbeiten", Susanne Schnatmeyer / textilegeschichten.de)

**) Richtig deswegen →

→ weil Wirklichkeiten im Denken stattfinden → Das ganze Leben ist eine Illusion. Und diese subjektiven Realitäten zeichnen und verbreiten seit dem 18. und 19. Jahrhundert das Bild, dass Handarbeiten "weiblich" ist. So ist es bis heute existente (Vorstellungs-)"Wirklichkeit".
Also weiter in diesem Narrativ:

Im 18. Jahrhundert →

→ wurden "Industrieschulen" (industria, lat. = Fleiß!) eingerichtet, um Mädchen auch aus den unteren Schichten in textilen Techniken zu unterrichten. Auch hier schwang die Vorstellung (= männliche Angst) mit, Frauen müssten beschäftigt sein, um nicht in Unzucht zu fallen. Das Spinnen in Spinnstuben dienten dem gemeinschaftlichen Tun – und der Bestrafung. In den Niederlanden heißen Zuchthäuser noch heute 'Spinhus'.

Im 19. Jahrhundert →

→ standen Handarbeiten häufig auch für das soziale Elend vieler Frauen, die für Hungerlöhne Handarbeiten verrichten mussten. Das Erlernen des Arbeitens mit Nadel und Faden in Erwerbsschulen – dann nur noch für Mädchen – verstand sich als Erziehung zur Pünktlichkeit und Geschäftigkeit, damit die Schülerinnen "später tüchtige Hausfrauen werden". Dies entsprach protestantischer Ethik, "trug zur Ordnung des Lebens bei" und wirkte "lasterhaftem Müßiggang entgegen".

→ Auflösen der Konnotationen mit Gehorsam, Schuld, Hunger, Not, Strafe. Dunkel. Das ist die zweite Image-Herausforderung.
(Andere Lebensbereiche konnten sich daraus wesentlich besser befreien, auch durch innovatives Objektdesign).

3.) Die Befreiung →

→ Vom eigenen Denken überholt: Das Fixierte im Progressiven Aenne Burda's

→ ... zu assoziativ verbunden war das derart protestantisch determinierte Handarbeiten mit seinem Zweck vor, im und nach dem zweiten Weltkrieg. Handarbeiten war vor allem auch Arbeit. Jedes freiwillige Festhalten daran trotz zunehmender "Arbeitsbefreiung" durch "modernen", käuflichen Wirtschaftswunder-Überfluss schob die Treuen innerhalb weniger Jahrzehnte in die Ecke des "Hausmütterlichen" und "Biederen". Und das, obwohl paradoxerweise die zentrale Leitfigur des deutschen Nachkriegs-Selbstschneiderns, Aenne Burda, eher genau das Gegenteil im Sinn hatte:

→ War der Schnittbogen doch nicht emanzipationsfest? ...

... "Jede Frau will schön sein" (Zitat) war Aenne Burda überzeugt und glaubte an das trümmerfrau- und sackleinen-bewältigende Frau-Sein, an die moderne, modisch emanzipierte und selbstbewusste Frau, die sie selbst war (für ihr Publikum u.a. erreichbar eben durch Selbstschneidern).

→ Doch daneben, auf Startbahn zwei, lief die gesellschaftliche Entwicklung inkl. Rollenbildwandel der Frau. War anfangs noch Aenne Burda's Selbernähen-Philosophie inklusive Schnittbogen-Idee schneller und damit für viele "vorauslaufend-anziehend" (also den Markt führend, 1967: 1,5 Mio. verkaufte Exemplare), überholte die technisch und kulturell hochrüstende Gesellschaft recht bald das von 'Burda Moden' geprägte, selbstgeschneiderte Frauenbild. Bereits Mitte der 80er Jahre waren im Disco-Fever und beginnenden Tekkno-Sound die Relevanz und Attraktivität der Marke (sprich Auflage) in Deutschland drastisch gesunken. Auch war ihre Revival zu Beginn der Perestroika (dort quasi eine Wiederholung der BRD-Voraussetzungen der 50er und 60er Jahre) nicht von Dauer. Auch im Osten holte der Zeitgeist auf Startbahn drei sehr schnell auf.

→ So sind von den einst großen Auflagenerfolgen in Millionenhöhe heute, im 1. Quartal 2020, – nach dem Umtaufen 2009 in 'burda style' und vor allem auch nach dem Boom der Online-Medien und den damit einhergegangenen Auflagenverlusten in der gesamten (!) Zeitschriftenlandschaft – nur noch 76.321 verkaufte Exemplare* übrig geblieben. Inklusive den 26.500 Exemplaren im Ausland!

→ So erfolgreich die Digitalsparte von 'burda style' diesen Abwärtssog auch kompensieren mag: Sie schwimmt mit. Ihre Markenkraft und ihr Image sind im Zuge steigender Online-Konkurrenz zahlreicher kommerzieller und halbkommerzieller Schnittmustershops sowie einem Meer an DIY-Blogs nicht gerade gestiegen. Dazu fehlt ihr der unikate Anker, die zentrale Leitfigur und Ikone, das moderne, trendführende Update einer neuen Aenne Burda-Story. Es fehlt das "1955-Momentum": der neue, marken-eigene Visions-Transfer von "Jede Frau will schön sein".

→ Mangel an Führung durch Leitbild. Das ist die dritte Imageaufgabe.

*) Kurz-Chronologie → 1950: Erstausgabe → 1965: Auflage überschreitet 1 Mio. verkaufte Exemplare → 1967: 1,5 Mio. Ex. → 1989: 4 Mio. Ex. in 17 (!) Sprachen, BRD jedoch stark rückläufig, → 1994: Rückzug Aenne Burda, Integration in Hubert Burda Media → 2000: 267.000 Ex. → 2007: www.burdastyle.com → 2009: August Umbenennung Printausgabe 'burda style' → 2009: 144.000 Ex; innerhalb von acht Jahren hatte sich die Auflage mehr als halbiert → 2016: IVW 1/2016 nur noch rund 116.000 Exemplare → 2016: Streichung der Position der Chefredakteurin (Dagmar Bily) → *2020: 76.321 verk. Ex. (IVW I/2020); davon 26.466 Ausland, Druck 151.846

4.) Die romantische Verklärung →

→ Insgeheim will die Kundin kein Märchen. Sondern eine Affaire

→ ... und zu oft wird die traditionsbelastete Rolle der Frau heute noch – AUSGERECHNET von nicht wenigen Insidern der Branche selbst! – romantisch verklärt und (paradoxerweise geschichtsverdrängend) traditionswillig verlängert bis gar in die Zukunft des Images via "Omas Nähstübchen". Deren oft kreative Namensschöpfungen über den Ladentüren sind in ähnlicher Weise wohl nur noch bei Friseurgeschäften zu finden: → 'Hin und Hair', → 'Föhnix aus der Asche', → 'Kamm in' oder → 'Haarakiri', → 'kreHAARtiv', usw.

→ Ja, wie sonderlich plötzlich Dinge erscheinen können, wenn sie nicht die eigenen sind. Aber möglicherweise ergeht es der Öffentlichkeit bei manchen Handarbeits-Läden ebenso? Auch wenn Sie jetzt vielleicht update:me dafür "strafen", sprich abbestellen wollen: Betrachten Sie zuerst die Mega-Chance und werten Sie später:

→ zur Mega-Chance der Branche ...

Aufregende Affairen ermöglichen →

→ Sofern das Hobby nicht vollkommen in die gedankliche Abkehr vom Jetzt (Escape), in die Introversion und sentimentale Erinnerung an längst vergangene Zeiten führen soll, steht diesem am anderen Ende der Möglichkeiten das Abenteuer gegenüber: Das Entdecken neuer Fähigkeiten, neuer noch unerschlossener Gedanken und Erfahrungen, die Begeisterung für das Außergewöhnliche, das so außergewöhnlich sein muss, um eben nicht gewöhnlich, nicht wieder routiniert langweilig zu sein. Gewöhnlichkeit, so ahnt die erneut ein Projekt andenkende Kundin tief drinnen in sich, würde zwar wieder in entgegengesetzte Richtung, in die Introversion laufen, und so gerne hätte sie "irgendwie etwas mehr Inspiration und Abenteuer" ... aber was könnte ihr diesen "Ruck" geben?

→ Wie wäre es, wenn Handarbeiten ihr diesen Mut gibt? Sie dabei unterstützt und befreit aus dem Konventionellen? Von den eigenen Grenzen? Was könnte, müsste Handarbeiten dazu tun? Wie dankbar wäre die Kund*in dafür? (→ vergl. Kosmetik, Typberatung).
Eine Mega-Chance!

→ Überwindung von Geschichtsklitterung, alten Klischees, Verniedlichungs-Neigung. Die vierte, fünfte und sechste Image-Herausforderung. Im Trio spannungslösend.

To do+? → Angst vor Bestandskunden-Verlust ablegen. Die davon bestimmten, "zielgruppengerechten Inspirationen" könnten sie motivatorisch unterfordern und das Gefühl, etwas "ganz Besonderes zu Tun" (Selbstaufwertung) untergraben. Womit wir wieder beim Image sind.

5.) Stricken als Polit-Marketing →

→ Warum eine Handarbeiterpartei den Grünen das Stricken verbieten würde

→ ... vielleicht irgendwie etwas zu trotzig und an die Funktion von Kaugummis erinnernd wirken die hinreichend veröffentlichten Bilder von strickenden Politiker*Innen, die sich – stimmt man der therapeutischen Pro-Stricken-Argumentation zu (→ s.o.) – mit kontemplativem Handarbeiten von der Intensität ihrer Debatten entspannen. Möglicherweise geht es ihnen aber auch gar nicht um das Handarbeiten ...

→ zur siebten Imageherausforderung (in #4 waren gleich drei)...

→ Denn häufig wird dieser Tabubruch mit Sitzungskonventionen (seit Joschka Fischer's Tennisschuhe im Bundestag 1881) immer noch, 40 Jahre nach Einzug der Grünen ins Parlament, als Signal alternativer Haltungen öffentlichkeitswirksam ritualisiert. Mit dieser fast stoischen Ausdauer wird er allerdings auch – weit prägender für das Image des Handarbeitens – ins Unflexible und Starre fixiert. Stricken wird Gesinnungs-Symbol, ein Instrument (und eine Konvention) im Parteien-Marketing. Würde man hier an Weiterentwicklung, an Aufbruch von Gewohnheiten denken wollen, wäre die Frage interessant, wer sich von wem befreit: das Stricken von den Grünen – oder die Grünen vom Stricken?

→ Vielleicht würde eine die Werte des Handarbeitens fördernde Handarbeiter-Partei solche Instrumentalisierungen sogar verbieten. Denn insbesondere das Stricken ist nicht mehr frei vom "alternativen" Image. "Bis in die 80er-Jahre gab es einen Boom, dann rutschte das Stricken in die Müsli-Ecke ab", so Angela Probst-Bajak, Sprecherin der Initiative Handarbeit (→ Frankfurter Rundschau 2013). "Danach war es lange Zeit ein No-Go, in der Öffentlichkeit zu stricken, gerade bei modebewussten Frauen war es völlig out". Das ließ die Alternativen unbeeindruckt. Sie strickten öffentlich einfach weiter (→ #) – und sich damit an den Modebewussten (= an denen, die den Moden folgen) wohl auch vorbei.

→ Reste vom "Müsli" (Probst-Bajak) kleben also immer noch am Image. Und damit ein ganzer Kosmos von Normen, Prioritäten und Grenzen, die sich auf bislang imageneutrale Dinge übertragen. Auf die häufig kategorische Präferenz von Holz- und Bambusnadeln zum Beispiel. Naturwolle. Bestimmte Farbspektren, Stile, Moden, Wohn- und Lebensformen ...

→ Kurz: Wieso passt das Handarbeiten nicht besser auf sich auf? Lässt es zu, sich von Fremdinteressen vereinnahmen und erlebnisinhaltlich einengen zu lassen? (siehe auch Thema #7: Fernsehen).

→ Die siebte Imageherausforderung: Handarbeiten braucht eine es schützende Respekt-Idee und Instanz.

1 - 5.) Ergebnis Teil I →

AGENDA → WAS GETAN WERDEN KANN:

  • Notwendigkeit und Aufgabenstellung erkennen und Bereitschaft zur Änderung entwickeln
  • Sinn des HA nur auf Meta-Ebene (Gefühl) kommunizieren, nicht rational verargumentieren (keine "Rechtfertigungs"-Position einnehmen), "Marken-Magie entzaubernde" (insbes. therapeutische!) Argumente branchenexternen Quellen überlassen
  • Entwicklungsgeschichte vollumfänglich einbeziehen, dortige Geschlechterrollen erkennen, aufarbeiten, nicht romantisierend verklären und damit Klischees aufrechterhalten, gar forcieren
  • Konnotationen "Gehorsam, Schuld, Not, Strafe" usw. herauslösen, kraftvolle Gegenbilder setzen, dabei nachvollziehbar, glaubwürdig & authentisch bleiben
  • Eros zulassen, Tendenz zur Geschlechtsneutralität ("asexuelle Mitte") überprüfen, beenden
  • selbstverständlicher / souveräner werden, Neigung zur Lieblichkeit bei Selbstdarstellungen hinterfragen (qui bono?), Entschuldigungs- & Verniedlichungs-Tonalität beenden (siehe hierzu auch Teil II)
  • stark magnetisches Leitbild entwerfen, Führung übernehmen, Imagedissonanzen harmonisieren, klar zentrieren
  • Konventionen durchbrechen, Mut entwickeln, kreativer sein
  • Ergebnis immunisieren gegen Vereinnahmungen und Instrumentalisierungen
  • vertiefende und ergänzende Punkte nach Teil II ...

Vorschau Teil II, in der Juli-Ausgabe

HANDARBEITS-IMAGE → Teil II / VORSCHAU

update:me 06.2020
von Michael Schebesta

To do-Liste?

→ Vorschau auf Ausgabe 7.2020

→ In vielen Bereichen ist das "hausmütterlich Altbackene" einem deutlich moderneren Verständnis von Handarbeiten gewichen. Dafür hier die Meilensteine zu nennen, würde vielleicht vielen gefallen, aber update:me ist keine Festschrift. In Ausgabe 07 geht es darum weiter mit dem Aufarbeiten des Images und den weiteren Einflüssen ...








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